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Dein Agentic Commerce Playbook

Alex Sperber7 Min. Lesezeit

Wenn du im E-Commerce arbeitest, spürst du es bereits: Die bekannten Hebel funktionieren nicht mehr so zuverlässig wie früher.

  • CPCs steigen
  • SEO liefert weniger planbare Ergebnisse
  • Nutzer klicken seltener
  • Kaufentscheidungen verlagern sich „nach vorne“

Gleichzeitig tauchen überall neue Begriffe auf:

  • AI Overviews
  • Conversational Commerce
  • Agentic Checkout
  • Shopping mit ChatGPT.

Viele behandeln das als kurzfristigen Hype. Das ist ein Fehler.

Was hier passiert, ist keine UI-Änderung – es ist ein Paradigmenwechsel:

Software trifft Kaufentscheidungen nicht mehr nur vorbereitend, sondern aktiv.

Und genau das beschreibt Agentic Commerce.

Was Agentic Commerce wirklich bedeutet

Agentic Commerce heißt nicht, dass Nutzer nicht mehr entscheiden. Es heißt, dass sie delegieren.

Statt:

„Ich google, vergleiche zehn Shops und entscheide“

sagen sie:

„Finde mir das beste Produkt für meinen Zweck.“

Das Modell:

  • interpretiert die Intention
  • bewertet Alternativen
  • gleicht Preise, Verfügbarkeit, Reviews und Spezifikationen ab
  • empfiehlt eine konkrete Option
  • und ermöglicht oft direkt den Kauf

Der entscheidende Punkt:

Wenn du nicht empfohlen wirst, existierst du nicht.

Nicht auf Seite 2. Nicht auf Platz 7. Sondern gar nicht.

Warum klassische E-Commerce-Optimierung hier versagt

Viele Teams reagieren reflexartig mit:

  • mehr Content
  • mehr Keywords
  • mehr Kampagnen

Das funktioniert hier nicht.

LLMs:

  • klicken nicht
  • lesen keine Hero-Claims
  • reagieren nicht auf emotionale Copy

Sie bewerten:

  • Datenqualität
  • Konsistenz
  • Verifizierbarkeit
  • externe Bestätigung

Agentic Commerce ist kein Marketing-Problem. Es ist ein Produkt-, Daten- und Strategie-Problem.

Die drei dominanten Agentic-Commerce-Systeme

Aktuell prägen drei Ökosysteme den Markt:

  1. ChatGPT – Agentic Commerce Protocol (ACP)

    • maximale Agentenlogik
    • starke Empfehlungsautorität
    • harte Einschränkungen bei Kundendaten
  2. Microsoft Copilot Checkout

    • ACP + Search + CRM
    • E-Mail-Zugriff bleibt erhalten
    • stark in Desktop- & Workflows integriert
  3. Google Universal Commerce Protocol (UCP)

    • performance-getrieben
    • GTIN- & Feed-fokussiert
    • volle Datenhoheit

Diese Systeme sind nicht gleichwertig. Sie haben unterschiedliche Ökonomien – und verlangen unterschiedliche Strategien.

Phase 1: Fundament – bist du aus Sicht von KI vertrauenswürdig?

Bevor du auch nur eine Integration planst, musst du eine grundlegende Frage beantworten: Würdest du dir selbst vertrauen, wenn du eine Maschine wärst?

Agentic Systeme sind paranoid. Und das ist gut so.

Merchant of Record: absolute Voraussetzung

Agentic Commerce funktioniert nur mit klarer Verantwortlichkeit.

Du musst:

  • rechtlich Verkäufer sein
  • Zahlungen selbst abwickeln
  • Rückgaben und Reklamationen verantworten

Wenn dein Setup auf:

  • reinem Dropshipping
  • Grauzonen-Fulfillment
  • verschachtelten Marktplatzmodellen basiert, wirst du nicht priorisiert.

Agentische Systeme wollen: einen Ansprechpartner – nicht eine Lieferkette.

US-Business-Präsenz: Stand heute Pflicht

Aktuell verlangen alle großen Programme:

  • eine US-Entity
  • oder zumindest US-kompatible Zahlungsabwicklung

Das ist regulatorisch getrieben, nicht politisch.

Wenn du international bist: plane jetzt – nicht „wenn es relevant wird“.

Payment-Stack: Friktion ist Gift

Agentic Checkout toleriert keine Reibung.

Alles, was:

  • Redirects braucht
  • manuelle Bestätigungen erfordert
  • langsam autorisiert wird schlechter gerankt.

Bewährt haben sich:

  • Stripe
  • PayPal
  • Google Pay

Regel: Wenn dein Checkout nicht in unter 10 Sekunden abgeschlossen werden kann, bist du zu langsam.

Die E-Mail-Frage: Hier verlierst du oder gewinnst du

Jetzt zur wichtigsten ökonomischen Entscheidung.

ChatGPT ACP:

  • keine Marketing-E-Mails
  • kein Retargeting
  • kein Lifecycle-Marketing

Das kostet dich realistisch:

  • 15–20 % LTV

Copilot & Google:

  • E-Mail-Zugriff bleibt
  • vollständige CRM-Nutzung möglich

👉 Agentic Commerce ist kein Kanal, sondern drei Geschäftsmodelle.

Phase 2: Dein Produktfeed ist dein neues Frontend

In Agentic Commerce ist deine Website nicht mehr der primäre Entscheidungsort. Das ist dein Feed.

Wenn dein Feed:

  • unvollständig
  • inkonsistent
  • veraltet ist, wirst du nicht empfohlen – egal wie gut dein Shop aussieht.

Produkttitel: maschinenlesbare Klarheit

Vergiss kreative Namen.

Ein guter Titel beantwortet:

  • Was ist es?
  • Für wen?
  • Wofür?

Beispiel:

„Noise-Cancelling Over-Ear-Kopfhörer – Bluetooth, 40h Akku, Reisen & Büro“

LLMs lieben Klarheit, weil sie Risiko minimiert.

Preise: ein Fehler reicht

LLMs vergleichen:

  • Feed
  • Website
  • Drittquellen

Ein Preisunterschied = Vertrauensverlust.

Preisregeln:

  • immer aktuell
  • immer mit Währung
  • keine Bedingungen

Verfügbarkeit: Ehrlichkeit schlägt Optimismus

„Auf Lager“ bedeutet: jetzt lieferbar.

Nicht:

  • „kommt bald“
  • „voraussichtlich“

Falsche Verfügbarkeit wird bestraft.

Bilder: Beweisführung, nicht Branding

Bilder dienen nicht mehr nur Conversion, sondern Validierung.

Anforderungen:

  • ≥800×800 px
  • mehrere Perspektiven
  • keine Overlays
  • kein Text

LLMs prüfen:

  • Farbe
  • Form
  • Material
  • Varianten

Beschreibung: dein wichtigstes Argument

Deine Beschreibung ist jetzt:

  • Spezifikation
  • Entscheidungsgrundlage
  • Faktenquelle

Enthalten sein sollten:

  • Materialien
  • Maße
  • Einsatzszenarien
  • Einschränkungen
  • Pflegehinweise

Übertreibung schadet.

Identifikatoren: GTIN schlägt Branding

Google UCP verlangt:

  • GTIN für alle barcode-fähigen Produkte

Fehlende IDs = Ausschluss.

Structured Data: Maschinen brauchen Ordnung

Pflicht:

  • Product Schema
  • Offer
  • Organization

Empfohlen:

  • AggregateRating
  • Breadcrumb

LLMs gleichen Feed & Website ab. Inkonsistenz = Misstrauen.

Phase 3: Die drei Protokolle richtig spielen

ChatGPT ACP – Empfehlung ohne Beziehung

ChatGPT ist der reinste Agent.

Es:

  • empfiehlt das beste Produkt
  • schließt den Kauf ab
  • trennt sich von der Beziehung

Shopify:

  • Shopify Catalog aktivieren
  • Sync prüfen
  • Checkout testen

Non-Shopify:

  • ACP-API
  • Webhooks
  • saubere Fehlerlogik

Wirtschaftlich sinnvoll für:

  • hohe AOVs
  • starke Differenzierung
  • geringe Abhängigkeit von E-Mail-LTV

Microsoft Copilot – der Balance-Ansatz

Copilot kombiniert:

  • Suche
  • Agent
  • Checkout
  • CRM

Du bekommst:

  • E-Mails
  • Kundendaten
  • Retention-Möglichkeiten

Frühe Benchmarks:

  • +53 % schnelle Conversions
  • +194 % Kaufintention

Für viele Brands aktuell der Sweet Spot.

Google UCP – Performance ohne Emotion

Google UCP ist:

  • datengetrieben
  • preisfokussiert
  • kompromisslos

Aber:

  • volle Kontrolle
  • volle Daten
  • volle Skalierung

Ideal für:

  • Commodity-Produkte
  • Preis- & Liefergeschwindigkeit
  • bestehende Merchant-Center-Strukturen

Phase 4: Discovery – wie LLMs Produkte finden

LLMs lesen nicht wie Menschen.

Sie bevorzugen:

  • strukturierte Inhalte
  • Vergleichbarkeit
  • externe Bestätigung

Content, der wirklich wirkt

Wirksam sind:

  • detaillierte Produktseiten
  • Use-Case-Guides
  • Vergleichsartikel
  • Pro-/Contra-Listen
  • Spezifikationstabellen

Unwirksam:

  • generische Blogposts
  • SEO-Floskeln
  • Thought-Leadership ohne Fakten

Drittbewertungen: Pflicht, nicht Kür

LLMs vertrauen:

  • Fachmedien
  • Nischenblogs
  • YouTube-Reviews
  • unabhängigen Tests

Deine Aufgabe:

  • Produkte platzieren
  • echte Reviews ermöglichen
  • nicht manipulieren

On-Site-Reviews: Qualität vor Quantität

Wichtig sind:

  • verifizierte Käufe
  • konkrete Nutzung
  • ehrliche Kritik

LLMs lesen auch negative Reviews – und schätzen Transparenz.

Phase 5: Positionierung ohne Bullshit

LLMs prüfen Claims.

Wenn du sagst:

  • „Bestes Produkt“
  • „Nachhaltig“
  • „Marktführer“ muss das belegbar sein.

Was funktioniert

  • klare Use-Cases
  • spezifische Zielgruppen
  • transparente Trade-offs

Beispiel:

„Ideal für Pendler mit kleinen Ohren – weniger Bass, dafür leicht.“

Was nicht funktioniert

  • generische Superlative
  • unbewiesene Vergleiche
  • Greenwashing

Marketing ohne Wahrheit wird aussortiert.

Phase 6: Wettbewerbsstrategien nach Produkttyp

Commodity-Produkte

  • Fokus auf Google UCP
  • Preis & Verfügbarkeit
  • Effizienz
  • ChatGPT lohnt sich hier selten.

Differenzierte Produkte

  • ChatGPT & Copilot priorisieren
  • Content & Reviews investieren
  • Marke aufbauen
  • Empfehlung schlägt Preis.

Neue Produkte (Cold Start)

Problem:

  • keine Daten
  • keine Reviews

Lösung:

  • Google-Bidding
  • sofortige Reviewer-Partnerschaften
  • schnelle externe Validierung

ROI-Framework: Welche Strategie passt zu dir?

ChatGPT / Copilot priorisieren, wenn:

  • AOV > 100 €
  • Differenzierung hoch
  • E-Mail-Abhängigkeit gering

Google UCP priorisieren, wenn:

  • Preis entscheidend
  • schnelle Lieferung
  • LTV wichtig

Alle nutzen, wenn:

  • Shopify
  • mehrere Produktkategorien
  • Ressourcen für Segmentierung

Die fünf Regeln für Agentic-Commerce-Erfolg

  1. Produktwahrheit schlägt Marketing
  2. Feed-Qualität = Sichtbarkeit
  3. Geschwindigkeit schlägt Perfektion
  4. Datenstrategie ist Ökonomie
  5. Early Mover gewinnen Vertrauen

Fazit: Agentic Commerce ist kein Experiment

Agentic Commerce ist:

  • kein Feature
  • kein Kanal
  • kein kurzfristiger Trend

Es ist die neue Art, wie Kaufentscheidungen entstehen.

Die Frage ist nicht, ob du teilnimmst – sondern wie bewusst.

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